Am Nachmittag des folgenden Tages stand nun mein erster Termin beim Anwalt auf der Tagesordnung. Ich war extrem nervös, weil ich keine Ahnung hatte, wie die Geschichte, die ich mir in der Nacht zuvor zusammengeschustert hatte, wirken und ob er sie mir abnehmen würde. Nach meiner Ankunft in der Kanzlei S. & W. musste ich zunächst warten. Man hatte mir gesagt, Herr S., der Strafrechtler habe zur Zeit Urlaub, aber ich könne gern mit Herrn W. sprechen, dem Zivilrechtler. Ich hatte nichts dagegen, wollte einfach nur einen Anwaltsrat. Zudem wusste ich, dass Herr W. erst kurz zuvor einen Studenten in einer heiklen Strafrechtssache vertreten und ihn erfolgreich rausgepaukt hatte: besagter Kommilitone (Klaus) war wegen Totschlags an seiner Großmutter angeklagt worden, da er ihr – wohl im Affekt – mit einer Gymnastikkeule den Schädel zertrümmert hatte. Sein Urteil lautete dann auf vier Jahre und ein paar Monate… Ihn sollte ich übrigens später noch persönlich gut kennenlernen…
Die Tür öffnete sich, und Herr W. holte mich. Ein großer, sonnenstudio-gebräunter Mann in den Vierzigern, mit Schnauzbart. Typ Tom Selleck… Tja, und dann kam natürlich schnell die Frage:
Was kann ich für Sie tun?
Als ich ihm sagte, dass ich seinen Beistand in einer Strafrechtsangelegenheit bräuchte, klärte er mich darüber auf, dass er in der Kanzlei eigentlich in erster Linie für zuvilrechtliche Fälle zuständig sei, ich aber natürlich jetzt trotzdem mit ihm reden könne, da ja Herr S. in Urlaub sei. Allerdings könne ich später auch jederzeit zu seinem Kollegen wechseln, falls ich mit ihm nicht zufrieden sei. Dies erschien mir vernünftig. Ein Fehler, wie sich allerdings erst sehr viel später herausstellen sollte…
Tja, und dann saß ich da und wusste nicht so recht, wie ich anfangen sollte. Die mir zurechtgelegte Geschichte erschien mir plötzlich wenig plausibel. Und dennoch begann ich zu erzählen. Und zwar sinngemäß das Folgende:
Mir war vorgestern langweilig, und da habe ich mir gedacht, ich besuche spontan mal schnell eine Bekannte. Sie, ich und ein paar andere Leute wollten demnächst mal campen, aber ein Termin war noch nicht vereinbart. Also bin ich hingefahren, um zu sehen, ob’s schon was Neues gibt. Sie war auch tatsächlich daheim, und wir haben ein bisschen geplaudert. Sie war zwar etwas in Eile, aber ich dachte, sie hätte wenigstens Zeit für einen Kaffee und würde mir einen anbieten. Das hat sie aber nicht getan, sondern sie wollte mich gleich wieder rausschmeißen, und irgendwie hat mich das so geärgert, dass ich sie von einem Moment zum nächsten angegriffen habe.
Ich weiß nur noch, dass ich mich im Eingangsbereich – schon auf dem Weg nach draußen – zu ihr umgedreht und sie mit beiden Händen am Hals gepackt habe. Das Letzte, an das ich mich erinnere, waren ihre vor Schreck weit aufgerissenen Augen. Dann hatte ich einen Blackout. Keine Ahnung, was daraufhin passierte… Jedenfalls saß ich dann plötzlich auf ihrem Bett, hatte ein Messer in der Hand, sie lag unter mir, bewusstlos, mit einer Wunde am Hals, die leicht rot war. Blut sah ich kaum, nur ein wenig davon in der Wunde. Da erschrak ich und lief Hals über Kopf aus der Wohnung.
Draußen bemerkte ich dann, dass ich meine Brille nicht aufhatte. Sie musste noch drinnen liegen. In der Hand hatte ich seltsamerweise ihren Schlüsselbund. Also bin ich noch mal reingegangen, um sie zu holen. Im Haus bin ich direkt einer Nachbarin in die Arme gelaufen. Ich habe bei K. aufgesperrt, und gleich im Eingangsbereich lag die Brille. Weiter bin ich nicht noch mal reingegangen. Ich habe sie aufgehoben, bin wieder rausgegangen und nach Hause gefahren. Eine gute Stunde später hat mich die Polizei festgenommen und für eine Nacht eingebuchtet. Gestern früh haben sie mich aber wieder rausgelassen. Hat mich gewundert, aber ich bin natürlich froh darüber. Was machen wir denn jetzt? Und wie geht’s nun weiter?
Herr W. stellte mir noch einige Fragen, und ich erzählte ihm peu à peu die Ereignisse detaillierter, auch alles über die Verhaftung und die Nacht im Polizeigewahrsam. So wie hier im Blog. Allerdings blieb ich bei meinen drei Lügen:
- Ich hätte K. angegriffen, weil ich wütend und verärgert darüber war, dass sie mir keinen Kaffee angeboten hatte, sondern mich quasi gleich wieder rausschmeißen wollte.
- Ich hätte einen Blackout gehabt und könne mich an den Tatverlauf überhaupt nicht mehr erinnern.
- Als ich meine Brille holte, hätte ich sie gleich im Vorraum liegen sehen und sei daher nicht noch mal weiter ins Apartment hineingegangen.
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Erklärung zu 1):
Ich war damals nicht in der Lage, Herrn W. die wahren Hintergründe der Tat offenzulegen. Dazu hätte ich über intimste sexuelle Phantasien mit ihm sprechen müssen – mit ihm, einem fremden Mann, den ich überhaupt nicht kannte. Unmöglich. Ich hätte vor Scham und Peinlichkeit keinen Ton herausgebracht. Bis dato hatte ich über diese Thematik nur mit einer meiner Freundinnen geredet. Und das war schon schwer genug gewesen. Also hatte ich mir etwas einfallen lassen müssen, um einen Auslöser für den Angriff vorweisen zu können: die Weigerung von K., mir einen Kaffee anzubieten – verbunden mit der Tatsache, mich quasi rausgeschmissen zu haben. Zwar ein wenig nachvollziehbarer Grund als Auslöser, aber immerhin… Besseres war mir über Nacht nicht eingefallen…
Erklärung zu 2):
Ich dachte, es sei immer gut, einen Blackout vorzugeben. Jeder weiß, dass in solchen Fällen die Strafen geringer ausfallen. Außerdem wollte ich nicht, dass man denkt, ich habe dies alles (langes Würgen; Stich in den Hals) bewusst und bei klarem Verstand gemacht – das wäre mir hochnotpeinlich gewesen. Ebenso peinlich, wie Herrn W. alles detailliert berichten zu müssen, was ich während der Zeit des vermeintlichen Blackouts getan hatte. Ich hätte damals einfach nicht darüber reden können. Aber das versteht vermutlich nur ein Mensch, der in dieser Situation schon einmal war. Letztendlich, und das wird an späterer Stelle des Berichts sehr klar werden, hat mir dieser vorgebliche Blackout das Genick gebrochen…
Erklärung zu 3):
Ich wollte nicht zugeben, dass ich mich bei meiner Rückkehr ins Apartment beim Suchen nach der Brille dort länger aufgehalten und sogar noch mal bis in den Wohnbereich gegangen war, wo K. auf dem Bett lag. Und warum? Nun ja, jeder Außenstehende hätte mir sofort vorgeworfen:
Mensch, spätestens in diesem Moment musst Du doch wieder bei klarem Bewusstsein gewesen sein. Du hast sie also auf dem Bett liegen sehen, neben ihr den Blutfleck, sie war noch am Leben – und da hast Du keinen Krankenwagen gerufen?! Du Drecksau!
Die Tatsache, dass ich zu diesem Zeitpunkt für K. keine Hilfe geholt hatte, war moralisch in meinen Augen zutiefst verwerflich. Und ich wollte nicht als so ein unmoralisches Dreckschwein dastehen… Ich denke, daran sieht man schon, dass ich mir damals der Trag- und Reichweite der eigentlichen Straftat (noch) gar nicht so richtig bewusst war: erstens dachte ich nur an mich (überhaupt nicht an das/die Opfer), zweitens eher in moralischen als in rechtlichen Kategorien – obwohl es ja auch völlig “unmoralisch” ist, jemanden bis zur Bewusstlosigkeit zu würgen und ihm bzw. ihr anschließend noch ein Messer in den Hals zu rammen. Doch wie gesagt: damals sah ich das nicht so. Oder wollte/konnte es nicht so sehen.
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An späterer Stelle meines Berichts (Prozess; Haftzeit) wird deutlich werden, inwiefern ich mir mit diesem verzweifelten und dummen Versuch, meinen Kopf irgendwie halb aus der Schlinge zu ziehen, selbst das Grab geschaufelt, mir selbst ins Knie geschossen, mir also mehr geschadet als geholfen habe. Aber so weit dachte ich in diesem Moment noch nicht. Vorauschicken kann ich aber schon, dass ich an dieser Version bis zum Urteilsspruch festgehalten habe…
Meinem Eindruck nach hatte der Anwalt meinen Tatbericht seltsamer- und überraschenderweise jedoch geschluckt, ihn für bare Münze genommen. So sah es zumindest aus. Und ich war zufrieden… Wir verblieben dann so: Er wolle sich mit Staatsanwaltschaft und Gericht in Verbindung setzen, um nach Abschluss der Ermittlungen sofort Akteneinsicht zu erhalten. Ich selbst solle gar nichts tun. Nur abwarten… Meinen Vorschlag, an K. einen Entschuldigungsbrief zu schreiben, befand er für nützlich und gut. Er riet mir dazu, dies auf jeden Fall zu machen.
Zum Abschluss kam das Gespräch auf sein Honorar. Er verlangte 5000 DM Vorschuss, den ich ihm gerne in drei Raten zahlen könne – schließlich wusste er von meinem Studentenstatus. Was er nicht wusste und ich ihm auch vorenthielt: Ich hatte durch eine Erbschaft 80000 DM auf dem Konto, allerdings nicht verfügbar, sondern längerfristig fest angelegt. Trotzdem schluckte ich bei dieser Summe spontan. Mit so einem Betrag hatte ich nicht gerechnet, sagte ihm aber zu, mich um die Bezahlung zu kümmern, in der von ihm angebotenen Ratenzahlung. Damals hatte ich nicht die geringste Vorstellung davon, wieviel mich diese gesamte Angelegenheit (Anwaltskosten; Gerichtskosten; Schadensersatz und Schmerzensgeld) letztendlich kosten würde: nämlich mehr als 100 000 DM.
Als ich ging, meinte Herr W. zu mir, er würde sich wieder melden, sobald es etwas Neues gäbe. Ich verabschiedete mich und fuhr erleichtert nach Hause. Dort setzte ich mich an den PC und entwarf meinen Entschuldigungsbrief an K. – einen Brief, einen äußerst dummen Brief, dessen Inhalt mir später noch sehr zu meinem Nachteil vorgehalten werden sollte.
[Fortsetzung folgt demnächst]
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