Haftlockerungen sind eine von mehreren Maßnahmen, die während der Haftzeit darauf ausgerichtet sind, die Rezosialisierung des Gefangenen voranzutreiben. Schließlich wird ja angestrebt, jeden Inhaftierten nach Verbüßung seiner Haftzeit wieder ins normale Alltagsleben zu integrieren – und zwar völlig unabhängig davon, wieviel Zeit er hinter Gittern insgesamt schon verbracht hat.
Zu den gängigen Haftlockerungen (üblicherweise kurz Lockerungen genannt) gehören unter anderem Ausgänge und Urlaube aus dem Knast. Diese durchaus schon sehr weitreichenden Lockerungen streben die meisten Verurteilten in Strafhaft natürlich an. Nicht zu vergessen ist allerdings eine andere Art der Lockerung, die Ausgängen oder Urlauben oft vorausgeht: die Ausführung.
Bei einer Ausführung wird der Straftäter durch einen (oder mehrere) Vollzugsbedienstete während seines Kurzausflugs in die Freiheit begleitet. Dies kann im Rahmen eines regulären Lockerungsverlaufs geschehen oder auch anlassbezogen: als Beispiel für Letzteres möchte ich an dieser Stelle nur die Beerdigung eines nahen Verwandten oder Familienangehörigen erwähnen, zu der ein Gefangener ausgeführt werden kann.
Eine solche anlassbezogene Ausführung hatte ich während meiner Haftzeit aus privaten Gründen leider nur ein einiges Mal – nämlich zu meiner kranken, schon sehr betagten Großmutter. Aus gesundheitlichen Gründen wurde ich insbesondere während meiner letzten Haftjahre hingegen des öfteren ausgeführt: es gab einige etwas ausgefallenere fachärztliche Untersuchungen, die innerhalb der JVA nicht üblich waren.
Im Rahmen des Lockerungsverlaufs hingegegen genoss ich unzählige Ausführungen. Wenn ich es im Kopf mal grob überschlage, waren es sicherlich dreißig an der Zahl. Es begann im Herbst 2000 – und zog sich hin bis etwa ins Frühjahr 2003. Etwa zweieinhalb Jahre lang durfte ich somit ein Mal pro Monat die Haftanstalt für ein paar Stunden verlassen, zusammen mit einem mir gut bekannten JVA-Beamten.
Es war üblich bzw. sehr erwünscht, einige Tage vor der so genannten Regelausführung dem Begleitbeamten mitzuteilen, was man für diese wenigen Stunden jenseits der Mauern im wahren Leben geplant hat. Natürlich musste man sich daran nicht streng halten. Eingeschränkt in den möglichen Aktivitäten war man natürlich durch die begrenzten finanziellen Mittel, die zu diesem Zweck jeweils genehmigt wurden.
Soweit ich mich noch erinnere, waren es weniger als 20 DM, die mir für die fünf oder sechs Stunden zur Verfügung standen. Davon konnte ich keine großen Sprünge machen, zumal ich ja auch noch die Tickets für die örtliche U-Bahn bezahlen musste, die mich ins Stadtzentrum brachte. Die JVA selbst befand sich eher am Stadtrand – dort war nicht viel los, Fuchs und Hase sagten sich in dieser Gegend quasi “Gute Nacht!“.
So wird verständlich, warum ich mich stets sehr darum bemühte, bei den geplanten Aktivitäten möglichst viel Geld zu sparen.
Bei einer meiner ersten Ausführungen wollte ich beispielsweise unbedingt essen gehen. Zum Inder… Und da ich mich in der Stadt selbst nicht gut auskannte, fragte ich meine ortskudige ehrenamtliche Betreuerin nach einem preiswerten indischen Restaurant. Sie hatte einen hilfreichen Tipp für mich parat. Und dadurch wurde diese Ausführung ganz besonders spaßig. Weder mein Beamter noch ich werden sie jemals vergessen!
Mein Begleitbeamter Herr S. und ich saßen also um die Mittagszeit in dem empfohlenen indischen Restaurant. Obwohl, Restaurant ist hierbei eindeutig ein Euphemismus. Kaschemme träfe es besser. Anyway, wir bestellten beide dasselbe recht preiswerte Gericht. Als Beilage hatte jeder von uns natürlich Reis gewählt. Und der Reis war dann auch der eigentliche Grund, warum wir uns später minutenlang beömmelten.
Als dann nämlich unser Essen serviert wurde, wunderten wir uns zunächst, dass kein Reis dabei war. Der Ober ging noch einmal weg – und kam sofort darauf mit einer einzigen großen Form zurück, in der sich der Reis befand. Auf dem Reis war ein rotes Pulver gestreut (das war wohl ein Gewürz…), in Form eines riesigen Herzens! Herr S. und ich schauten uns perblex an. Und prusteten spontan laut los. Aber nicht lautlos.
Die anderen Mittagsgäste drehten nun die Köpfe in unsere Richtung. Obwohl ich lachen musste, war mir das Ganze ja schon auch etwas peinlich. Für was hielt man uns dort? Etwa für zwei verliebte Schwule, die gerade zusammen zu Mittag essen gehen? Dieser Gedanke drängte sich auf. Ein Herz auf dem Reis bei einem offenbar frisch verknallten gemischtgeschlechtlichen Pärchen hätte ich ja noch verstanden. Aber so? Seltsam.
Herr S. und ich erinnerten einander in den Folgejahren immer wieder an diese unterhaltsame Episode. Das Reisherz wurde regelmäßig Anlass für entsprechende Anspielungen, die natürlich außer uns niemand verstand. Falls Herr S. durch Zufall auf diesen Bericht hier stoßen sollte, na, dann wird er sich gewiss wieder daran erinnern. Und er wird sofort wissen, wer sich hinter dem Pseudonym Vollzugsteilnehmer verbirgt.
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