KURS NRW

Es war wohl im März dieses Jahres (ja, korrekt heißt es wirklich dieses Jahres – und nicht diesen Jahres*), als mir mein Bewährungshelfer Herr T. davon erzählte, es gäbe hier in NRW seit kurzem ein neues Programm, das wohl auch für mich noch eine gewisse Bedeutung haben würde.

Es ging hierbei um die Konzeption zum Umgang mit rückfallgefährdeten Sexualstraftätern in Nordrhein-Westfalen (sprich: KURS NRW). Ich selbst hatte bis dato noch nichts davon gehört. Und auch mein Bewährungshelfer schien zu diesem Zeitpunkt nicht wirklich en détail informiert zu sein, befand sich dieses Konzept doch noch in den Kinderschuhen.

Unter anderem meinte Herr T. damals zu mir, es könne durchaus sein, dass die Polizei mal auf mich zu käme, um mit mir zu sprechen und mich ein wenig kennen zu lernen. Aber ich solle mir da keine Gedanken machen. Schließlich sei ja so weit alles in Ordnung. Es gäbe ja keine Probleme.

Gedanken machte ich mir natürlich trotzdem. Aber nur kurzzeitig. Da für mich dieser ganze Knast-Mist gedanklich schon gaaaanz, gaaaaanz weit weg liegt, irgendwo in großer Ferne, vergaß oder verdrängte ich dieses Thema wieder. Bis, ja, bis …

Ende Juni klingelte es plötzlich morgens um 8 Uhr an meiner Wohnungstüre – für mich eine extrem unchristliche Zeit, da ich nachts zuvor bis zum Sonnenaufgang am PC gearbeitet hatte. Dies – und die Tatsache, dass ich weder angezogen noch frisch rasiert war (ja, eitel ist das Arschloch auch noch…) – brachten mich zu dem Entschluss:

“Nö, nö, ich bleibe schön liegen. Das ist eh nur wieder irgend so ein Zeitungsvertreter. Wie neulich erst…”

Nachdem es dann dreimal hintereinander mit jeweils etwa 30 Sekunden Pause äußert penetrant geklingelt hatte, dachte ich mir dann doch, ich schaue mal nach, wer denn da etwas von mir will. Leise schlich ich zur Tür und spähte durch den Spion.

Auf dem Treppenabsatz sah ich schemenhaft einen Polizeibeamten in Uniform. Ich erschrak erst mal. Denn: Wer hat schon gerne die Polizei im Haus?! Ich jedenfalls nicht. Anyway, da ich im ersten Moment nicht wusste, was das sollte, ignorierte ich den Uniformträger und schlich mich wieder zurück ins Bett.

Eine Minute später bimmelte plötzlich mein Handy. Eine mir unbekannte Nummer. Schlussfolgerung: Das muss wohl der uniformierte Herr auf der Treppe sein! Ich ließ es läuten, bis es aufhörte (ca. 20mal). Kurze Pause. Es klingelte erneut. Ich ließ es klingeln, bis es aufhörte (ca. 20mal). Kurze Pause. Rrrring! Rrrrring! Rrrrring! Wieder so um die 20 Mal. Dann war Ruhe. Göttlich. Und ich schlummerte wieder ein.

Am frühen Nachmittag desselben Tages – ich war bereits ansprechbar – wieder ein Anruf von derselben Nummer. Diesmal ging ich ran. Es meldete sich ein freundlicher Herr von der Kripo. Er meinte, er sei mit einem Kollegen von vor Ort morgens schon mal bei mir gewesen, aber ich hätte wohl noch geschlafen. Beide würden sich gerne mal mit mir unterhalten. Es ginge um das neue Programm KURS NRW, ob ich davon schon gehört hätte und so weiter und so fort. Sie möchten bald mal vorbeikommen, aber terminlich sei sein hier vor Ort zuständiger Kollege gerade sehr eingebunden, und deswegen ginge es von dessen Seite eigentlich nur in der darauf folgenden Woche an diesem Tag und zu jener Uhrzeit.

Ich schlug vor, selbst ins Polizeipräsidium zu kommen. Aber das sorgte nicht gerade für erhöhte Begeisterung: “Ach, wir kommen lieber zu Ihnen. Wir machen das lieber bei Ihnen…“. Irgendwie war ich etwas überrumpelt, gab nach und erklärte mich auch mit der Terminierung einverstanden.

Ein paar Stunden später kamen Zweifel und Fragen in mir auf:

  • “Warum soll ich die in meine Wohnung lassen?”
  • “Will ich die überhaupt in meine Wohnung lassen?” (–> nein)
  • “Muss ich die in meine Wohnung lassen?” (–> wohl eher nicht; GG)
  • “Will ich mit denen überhaupt reden?” (–> noch unentschlossen)
  • “Muss ich mit denen überhaupt reden?” (—> wohl eher nicht)

Es klingt jetzt vielleicht etwas seltsam, aber das hier ist meine Wohnung, und ich alleine entscheide, wen ich hier haben will und wen nicht. Ich denke, das ist mein gutes Recht. Und es klingt vielleicht noch seltsamer, wenn ich jetzt sage, dass ich das Gefühl hatte, durch die Anwesenheit eines Polizisten in meinen (eigenen) vier Wänden würde meine Wohnung entehrt. Entweiht. Geschändet. Das Klima verseucht. Wie auch immer. Eigentlich wollte ich das wirklich nicht. Und ich rang innerlich zwei Tage lang mit mir selbst darum, zurückzurufen und klar zu sagen: “Sorry, aber Polizei kommt mir nicht in die Wohnung…“. Um so seltsamer, als ich die Polizei bis dato wirklich nie als “Feind” oder “Gegner” angesehen hatte. Irgendwie reichte es mir halt. Irgendwann muss auch mal wieder Schluss sein mit dem ganzen Unsinn.

Und was machte ich? Nichts. Ich wollte keine Konfrontation, sondern entschloss mich zur Kooperation – so wie immer in den vergangenen fast sechs Jahren.

Ein paar Tage später kamen die zwei Herren dann: der Kripo-Mann in Zivil, der hiesige Beamte in Uniform. Sie klärten mich über KURS NRW auf und stellten mir ein paar Fragen zu meiner derzeitigen Lebenssituation. Zwei- oder dreimal meinte der nicht uniformierte Herr von der Kripo zu mir: “Wir behalten Sie im Auge…“.

Im Großen und Ganzen ein freundliches, respektvolles Gespräch. Nichts dran auszusetzen. Den örtlichen Dorfpolizist fand ich besonders knuffig. Jeder gab mir zum Schluss seine Karte mit den Kontaktdaten. Später googelte ich die Namen und las ausschließlich Positives. Seitdem habe ich von beiden Personen nichts mehr gehört.

Lesen musste ich aktuell allerdings den Namen des Kripo-Mannes. Er steht nämlich als Zeuge in der Anklageschrift. Und das hat mich nicht nur geärgert, sondern irgendwie auch “menschlich enttäuscht”. Denn als vermeintlichen Tatzeitpunkt nennt die Anklageschrift einen Tag, der gerade mal drei Tage nach dem oben geschilderten Besuch der zwei Herren liegt.

Offenbar hat man also ganz gezielt und bewusst nach irgend etwas gesucht (“Wir behalten Sie im Auge!“), das man gegen mich verwenden könnte, um mir mal was vor den Latz zu knallen. Prophylaktisch, quasi. Die Frage ist nur: Musste das sein? Musste das so sein? Ausgereicht hätte doch auch ein freundlicher hinweisender Anruf genügt à la:

Hallo, Herr Sonstwieviel. Sie haben auf der Seite http://www.xyz.de im Beitrag mit dem Titel “Soundso” einen bedenklichen Link. Machen Sie den mal besser raus. Herzlichen Dank. Ihre Freunde und Helfer von der Polizei.

Ja, das wäre mal ‘ne korrekte Aktion gewesen. Oder wäre das (schon) so etwas wie “Strafvereitelung im Amt“? Keine Ahnung. Vermutlich bin ich auch einfach nur zu naiv.

Wie dem auch sei, große Lust hätte ich schon, dem Kripo-Menschen eine freundliche E-Mail zu schreiben, um ihn wissen zu lassen, wie enttäuscht ich von ihm bin. Aber das würde ihn wohl kaum jucken. Aus diesem (und auch noch aus anderen…) Gründen lasse ich das besser brav sein. Also: Klappe halten. Wieder mal. Sonst verbrenne ich mir vielleicht noch den Mund. Denn spitz kann meine Zunge durchaus sein. Wenn es sein muss.

(* ich weiß, ich weiß, ich bin ein unerträglich arroganter Klugscheißer, aber es stellen sich mir immer alle Haare auf, wenn ich das im Radio oder im Fernsehen höre…; so, und jetzt steinigt mich wegen meiner penetranten Besserwisserei…)

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