Mord in JVA Remscheid

Ich verfolge jetzt schon seit Tagen mit Interesse die Berichterstattung der Medien über das Drama in der JVA Remscheid. Dort hat der 50-jährige Klaus-Dieter H. während eines Besuches seine Freundin (46) getötet.

Und je mehr ich darüber lese, um so größer wird mein Bedürfnis, mich zu übergeben. Irgendwie komme ich aus dem Staunen nicht mehr raus. Ich staune über die Naivität des bundesdeutschen Durchschnittsbürgers.

Da wird allen Ernstes empört gefragt, wie es denn nur möglich gewesen sein konnte, dass H. die Tatwerkzeuge mit in den Besucherraum nahm. So etwas ist doch ganz einfach: Man steckt das Zeug ein und nimmt es mit. Punkt. Zwar gibt es vielerorts die Dienstanweisung, dass Gefangene vor (und nach) Besuchen durchsucht werden müssen. Insbesondere bei Langzeithäftlingen, die innerhalb der JVA gut bekannt sind und zudem vielleicht auch noch als sehr zuverlässig gelten, werden solche Kontrollen allerdings eher selten bzw. nur (noch) sporadisch oder gar nicht (mehr) durchgeführt.

Ich weiß das aus eigener Erfahrung: Habe ich als Inhaftierter ein gutes persönliches Verhältnis zu dem Bediensteten XYZ aufgebaut, so wird mich besagter JVA-Beamter XYZ vor/nach Besuchen, Ausgängen und Urlauben wohl kaum durchsuchen. Irgendwie ist das ja auch menschlich. Eine Kontrolle würde bedeuten, dass er mir nicht vertraut bzw. Vorbehalte gegen mich hat. Und dies wiederum könnte sich negativ auf die Beziehung zwischen Gefangenem und Beamten auswirken. Das möchte er vermeiden. Schließlich will er keinen Ärger, sondern nur in Ruhe seinen Kaffee trinken. Konfliktfreiheit.

Auch wundert man sich, dass H. tatsächlich Messer besaß. Leute, in welcher Traumwelt lebt ihr?! Die normalen Knastmesser, die den Gefangenen als Besteck zur Verfügung gestellt werden, sind völlig unbrauchbar. Mit den Dingern kann man kein Brot schmieren, geschweige denn irgend etwas schneiden. Sie sind zum einen völlig stumpf und knicken zum anderen bei geringstem Widerstand sofort ab. Wer als Gefangener einmal versucht hat, Butter auf ein Brot zu schmießen, der weiß, wovon ich spreche. Also besorgt sich der Gefangene möglichst ein vernünftiges und funktionierendes Messer.

Ich hatte auch eins: ein ganz normales Küchenmesser, wie es jeder Leser zuhause im Geschirrkasten hat. Im Knast ist das Luxus. Das Teil lag immer offen in meinem Haftraum herum. Es wurde bei -zig Zellenkontrollen bemerkt, aber nie beanstandet oder entfernt, sondern toleriert. Wie man an solche Messer kommt?! Ganz einfach: beispielsweise über einen Beamten. Beamte schieben stundenlang Dienst, haben Hunger und essen natürlich zwischendurch auch mal etwas (eine Brotzeit in ihrem Büro). Dazu haben sie anstaltseigene Messer. So eines greift man sich bei Gelegenheit ab. Offiziell mit inoffizieller Erlaubnis (“Nimm’s mit. Ich hab aber nix gesehen, und von mir hast Du’s auch nicht…“). Oder man nimmt sich einfach eins, wenn mal jemand nicht aufpasst. Das ist keine Zauberei.

Andere Möglichkeit: Man arbeitet in der Beamtenküche oder kennt einen Mitgefangenen, der dort arbeitet. Natürlich haben die Bediensteten beim Essen richtige Messer. Und – schwuppdiwupp – fehlen halt mal welche. Das fällt doch überhaupt nicht auf. Nach Arbeitsende wird das Messer mit in den Haftraum genommen. Auch hier gilt: Je länger der Gefangene dort arbeitet, um so seltener und oberflächlicher wird er kontrollliert. Ich weiß, wovon ich rede, da ich selbst längere Zeit in einer JVA-Küche gearbeitet habe. Ab diesem Zeitpunkt war ich natürlich mit allem gut versorgt: Geschirr, Besteck, hochwertiges Essen.

Angesehen davon: Mich stört der überall verwendete Begriff “Liebeszelle” ganz gewaltig. Im offiziellen Sprachgebrauch heißt diese Örtlichkeit “Langzeitbesuchsraum”. Ich persönlich dufte so einen Luxus nicht genießen (im bayerischen Strafvollzug wäre so etwas undenkbar…), finde die Möglichkeit, sich über einen längeren Zeitraum unbeobachtet und insbesondere ohne ein lauschendes Ohr mit seinen Angehörigen austauschen zu können, eine ganz tolle Sache.

Hier geht es ja in den meisten Fällen auch gar nicht um Sex. Oftmals kommen ja auch die (eigenen) Kinder mit, die den Papa besuchen. In dieser etwas wohnlicheren Umgebung herrscht gleich eine ganz andere Atmosphäre, viel mehr Normalität und Ungezwundenheit. So äußerten sich mir gegenüber zumindest zahlreiche Mitgefangene, die mir während meines kurzen Aufenthalts in der hessischen JVA Sch. enthusiastisch von ihren Langzeitbesuchen berichteten.

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4 Kommentare zu “Mord in JVA Remscheid”

Kommentar(e) unten lesen oder selbst kommentieren...

  1. teddy sagt:

    He, für diese Information auch noch kohle haben wollen??? Biste pleite oder was! Hoffentlich zahlt keiner dir was für so eine Blöde info!

  2. @ all:

    Tja, mit solchen Typen à la Michael R. Mendes aus Lissabon (—> den gelb markierten Eintrag auf der Cache-Seite von Google suchen…) musste ich mich im Knast jahrelang herumärgern:

    *

    [zum Vergrößern auf den Screenshot klicken!]

    *

    Manche Leute (dis)qualifizieren sich durch Ihre Äußerungen eben selbst.

    Vollzugsteilnehmer

  3. Jacqueline sagt:

    Hallo, mein Partner ist im Gefängnis- und es ist eine schreckliche Zeit für mich- das Langzeitbesuchszimmer wird umgebaut- und wir haben uns dort schon 1,5 Jahre nicht mehr gesehen. Was ist denn schlimm daran, wenn man dort intim ist? Sexualität gehört dazu, um die Partnerschaft zu erhalten, und das ist wohl wichtig für die Zeit nach dem Vollzug. Für den Gefangenen ist es auch wichtig, baut Aggressionen ab und tut der Seele gut- die dort genug Leid erfährt. Es hat mit Resozialisation zu tun, die in anderen Ländern viel selbstverständlicher ist- Deutschland hat eine Rückfallquote von 70 % -ein Unternehmen mit solchen Zahlen würde pleite gehen- und dann wir so ein Bericht aufgepuscht und alle fürchten, dass es für uns Angehörige noch schlimmer wird. Draussen dreht doch hier und da auch ein Familienvater durch…. man sollte dies nicht zum anlass nehmen, darüber zu urteilen, dass man noch mehr Sicherheit und Enge braucht- und die entsetzte Frage: Was – im Gefängnis gibt es Sex- sondern es wäre eine Gelegenheit diese Situation für Familien genauer zu untersuchen- und mir persönlich stellt sich die Frage- warum es passiert ist, denn darüber spricht niemand. Der Kontakt ist so spärlich und erschwert, dass viele Frauen aufgeben- und die Männer in dieser Situation daran durchaus zerbrechen oder durchdrehen. Also- das System gehört geändert. Langzeitbesuch sollte es für Ehepaare und Lebensgemeinschaften regelmässig geben- damit auch wir Frauen, die Chance haben- durchzuhalten! Denn ohne Sex sind auch wir mitbestraft- und das sind wir- unschuldig- schon stark genug.

  4. babymama sagt:

    Hallo,
    also ich finde deinen Text und die Infos sehr gut. Und ich stimme dir in vielen Punkten zu! Mein Mann sitzt selbst momentan in der geschlossenen Haft in Remscheid, wegen Betruges. Und ich finde es super, dass es die Möglichkeit gibt unseren Besuch alleine in Ruhe zu verbringen. Denn in den Besuchsräumen ist es immer sehr laut und befüllt mit anderen Besuchern. Es geht ja nicht nur um sexuellen Kontakt. Ich sehe meinen Mann so selten und telefonieren ist zu teuer für ihn. Und wenn wir uns sehen, wollen wir wir natürlich uns herzlichst begrüßen und kuscheln. Und uns nah sein. Mit fremden Menschen im Raum und den Beamten im Blick, ist das verständlicher Weise unangenehm. Ich finde diese Oberflächlichkeit und Intoleranz der dt. Bürger schrecklich! ‘Warum haben ‘Knackis’ Liebeszellen?’ oder ‘Sind doch selbst schuld, wenn die im Knast landen. Warum also überhaupt so langen besuch kriegen dürfen???’ Kaum einer informiert sich richtig, denkt nicht darüber nach, dass man auch durch Steuerschulden, Betrug oder schweren Raubüberfall in den Knast kommt! Mörder, Vergewaltiger, Schläger…Ja, das sind schlechte Menschen. Aber nicht alle im Gefängnis sind schlecht. Und es gibt genug, die ihre Familie intakt halten wollen und für ihre Kinder da sein möchten! Und auch wenn das Umfeld kein schöner Anblick ist , die Kinder freuen sich Papa zu sehen! Ich finde es super, das man Langzeitbesuchsräumre anbietet und Familienbeziehungen intakt halten will. …

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