Besuchergruppen

Richter Ballmann schreibt in seinem Beitrag “Ansehen und Respekt” davon, dass er mit einer Gruppe Studenten die örtliche JVA besuchte. Anschließend folgte eine Gesprächsrunde mit Gefangenen.

Solche Veranstaltungen sind mir bekannt, die Gesprächsrunden allerdings sollte man mit Vorsicht genießen. Denn: Die Inhaftierten, denen man gestattet, sich in dieser direkten Art und Weise mit Menschen von draußen auszutauschen, werden vorher genau ausgesucht. Unter ihnen wird sich niemand befinden, der wirklich anstalts- und vollzugskritisch eingestellt ist und dies auch offen äußern würde. Und für den Fall der Fälle (das heißt: ein Insasse wagt es, doch den Mund aufzumachen und tacheless zu reden…) ist immer ein JVA-Bediensteter anwesend, der eingreifen kann. Richter Ballmann, korrigieren Sie mich, falls das bei Ihnen nicht so gewesen sein sollte.

Besuchergruppen führt man in JVAs auch gerne durch die Arbeitsbetriebe, um zu demonstrieren, welche Arbeiten die Gefangenen auszuführen haben. Natürlich weiß jeder Betriebsleiter lange vorher, wann genau Besucher kommen. Ich habe es mehrmals erlebt, dass es in solchen Fällen tags zuvor hieß:

So, Leute, macht heute mal Ordnung. Putzt, räumt auf, beseitigt das Chaos. Morgen kommt eine Besuchergruppe, und dann muss alles blitzeblank sein!

Es möge sich also kein Besucher der illusorischen und naiven Vorstellung hingeben, er sähe während eines solchen Rundgangs die Realität. Vieles wird vorgespiegelt, nur wenig ist authentisch.

Besonders extrem waren die Besuchsvorbereitungen natürlich, wenn sich ein Abgesandter des Ministeriums – oder gar der Justizminister selbst – angesagt hatte. Alfred Sauter und später Beate Merk gingen jeder nur drei Meter entfernt an mir vorbei.

Selbstverständlich weiß ich nicht, wie in Ballmanns Fall der Rundgang durch die JVA ablief und was er alles umfasste. Aus Erfahrung kann ich jedenfalls sagen, dass Besuchergruppen in der Regel nur so genannte “Musterzellen” präsentiert werden. Diese sind hell, sauber, gut und modern ausgestattet, entsprechen allerdings kaum dem normalen Haftraum. Oftmals ist der den Besuchern vorgezeigte Haftraum nicht einmal bewohnt, auch wenn ganz bewusst ein anderer Eindruck zu erwecken versucht wird. Diese offensichtliche Heuchelei stank mir immer besonders.

In der bayerischen JVA S. arbeitete ich lange Jahre als Hausarbeiter (”Kalfaktor”). In dieser Funktion hatte ich verschiedene Vorteile, u.a. verbrachte ich den gesamten Tag auf meiner Abteilung anstatt in einem  tristen Arbeitsbetrieb. So bekam ich es fast immer mit, wenn Besuchergruppen durch unsere Vorzeigeabteilung geschleust wurden. An eine dieser Gruppen erinnere ich mich auch heute noch gut. Deren Auftreten erinnerte mich nämlich schlagartig wieder an mein Leben vor der Haft. Und das kam so:

Wie oben bereits erwähnt, war auch diese Gruppe von Besuchern rechtzeitig angekündigt worden. Es hieß, es kämen Jura-Studenten der nahe liegenden Universität R. Ich horchte auf und war gleichzeitig verunsichert: Sollte ich mich überhaupt zeigen oder lieber in meinen Haftraum verschwinden, wenn die künftigen Juristen durchgeschleust würden? Immerhin könnte ich erkannt werden, zählte ich schließlich zwei, drei Jahre zuvor noch zur selben Truppe. Und ein Erkanntwerden wäre mir hochnotpeinlich gewesen. Einerseits.

Andererseits überwog letzten Endes doch meine Neugierde. Ich blieb auf einer Gangseite stehen, als etwa 25 Studenten in zwei, drei Metern Abstand an mir vorbei gingen. Und bingo: zwei Gesichter kannte ich! Beide schaute ich direkt an. Augenpaare trafen sich. Erkennende und überraschte Gesichtsausdrücke auf der anderen Seite. Natürlich blieb das von den Begleitbeamten nicht unbemerkt. Man fragte bei mir nach. Ich erklärte die Situation. Und fragte: “Darf ich zu dem da und zu der da mal kurz hingehen und ‘Hallo!’ sagen?“. Durfte ich natürlich nicht. Viel zu gefährlich.

Ich weinte bitterlich. In meinem Haftraum.

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