Anrufe aus dem Knast

In seinem Blogbeitrag “Sparen statt Störsender” zitiert der Berliner Strafverteidiger Carsten R. Hoenig aus diesem Bericht der Berliner Morgenpost und fügt anschließend mit einem Zwinkern schmunzelnd an:

Mich haben die Anrufe der Mandanten in unserer Kanzlei aus dem Knast bisher noch nicht gestört; (…)

Natürlich kenne ich diese Geschichten über verbotene Handys im Knast. Seltsam ist nur, dass ich während meiner eigenen langjährigen Haftstrafe kein einziges selbst gesehen habe. Aber das muss nichts heißen.

Noch besser ist es natürlich, wenn Strafgefangene gar kein Handy brauchen, weil sie über die Festnetzleitung der JVA längere Zeit kostenlos und unbemerkt nach draußen telefonieren können.Gibt’s nicht!“, werden Sie jetzt vielleicht sagen. “Doch, gab es!“, muss ich Ihnen darauf entgegnen. Und das kam so:

Die Abteilung, auf der ich in der bayerischen JVA M. untergebracht war, sollte renoviert und deren Anzahl an Hafträumen von zwölft auf vierundzwanzig erhöht werden. Zu diesem Zweck mussten wir umziehen, und zwar exakt ein Stockwerk nach oben. Die über uns liegende Etage war am Tage vor dem Umzug geräumt worden.

Am Umzugstag selbst herrschte ziemliches Chaos. Uns Gefangenen fiel sofort auf, dass der Raum, in dem sich auf unserer neuen Abteilung tags zuvor noch das Beamtenbüro befunden hatte, nicht verschlossen war. Konkret: Irgendjemand hatte das Türschloss ausgebaut. Mehrere von uns stürmten sofort hinein. Wir wollten sehen, ob wir dort vielleicht etwas Nützliches abgreifen konnten. Ja, das konnten wir wirklich: in einem Besteckkasten befand sich beispielsweise vernünftiges Besteck (darunter Messer, die zur Abwechselung mal wirklich gut schnitten…) – dies war schnell unter uns verteilt, noch bevor ein JVA-Beamter davon Wind bekommen hatte.

Bei näherem Hinsehen entdeckten wir dann auch die zwei mobilen Funktelefone, mit der jede Abteilung der JVA ausgestattet war. Sie standen in ihren Ladestationen, die wiederum noch immer mit Strom und Telefonnetz verbunden waren, ganz offen auf dem Tisch. So als wollten sie uns sagen: “Hey, greift zu! Nehmt uns mit!“. Das taten wir dann auch. Ist ja klar. Was für eine Gelegenheit!

Jeder von uns wusste, dass man, um nach draußen zu telefonieren, einfach nur die Null vorzuwählen brauchte. Abends nach Einschluss gab es dann die Probe aufs Exempel. Und tatsächlich, es funktionierte! Aber nicht allzu lange, da die Akkus der Telefone nach wenigen Tagen schlapp machten. Aber kein Problem: in besagtem ehemaligem Beamten-Dienstzimmer standen ja noch immer die Ladestationen herum. Diese stöpselten wir ab, verbrachten sie in unsere Hafträume und luden so tagsüber die Handapparate wieder auf. Abends bzw. nachts konnte dann wieder ausführlich telefoniert werden.

Dieser unerwartete Luxus dauerte etwa zwei Wochen lang an. Bis einem schlauen Bediensteten auffiel, dass die Telefone Beine bekommen hatten. Wir entsorgten die Apparate umgehend. Tief unten in einer Mülltonne. Auf Ärger hatten wir schließlich keine große Lust.

Soweit ich weiß, hat keiner von uns das unüberwachte Telefonieren zu irgendeinem Unsinn ausgenutzt. Absolut vorrangig war es einfach, wieder einmal ohne innerliche Zensur mit der jeweiligen Partnerin, den eigenen Kindern, Eltern, Freunden oder sonstigen Angehörigen sprechen zu können. Jemand, der sich noch nie in so einer Lage befunden hat, wird kaum nachvollziehen können, wie wichtig das ist.

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